Härter als der Hermann

Ein Laufbericht von Julia Steinweg

„Ist das denn überhaupt erlaubt?“ war nur eine der Fragen, die Friederike Hegemann und Julia Steinweg, passionierte Läuferinnen des DEK zu hören bekamen. „Ja, ist es.“ war die nüchterne Antwort. Gemeint ist der Hermann-Ersatzlauf 2020, den die beiden Frauen am vergangenen Sonntag, 26.04.2020, absolvierten. Das Projekt „Unser Hermann 2020“ war der Absage des traditionsreichen Hermannslaufs geschuldet, der an eben diesem 26.04.2020 eigentlich hätte stattfinden sollen, aber wie so viele Veranstaltungen aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt worden war. Da die Originalstrecke des Hermannslaufs für Läuferinnen und Läufer gesperrt war, hatte sich Friederike Hegemann eine Alternativroute überlegt, die ebenfalls über den Hermannsweg führte, allerdings von Dissen über Borgholzhausen und Halle nach Künsebeck. Wenn die Strecke mit insgesamt 27,5 km zwar nicht ganz der Distanz des Hermannslaufs von 31,1 km entsprach, so stand der Hermanns-Ersatzlauf in puncto Anspruch und Höhenmetern dem echten Hermannslauf in nichts nach. Friederike Hegemann, die bereits viermal den Hermannslauf absolviert hat, ist sogar überzeugt: „Dieser Lauf ist härter als der Hermann!“ Und tatsächlich hatte es die Strecke in sich. Nach Ankunft mit dem Haller Willhelm (beim Hermann gibt es einen Bustransport zum Start in Detmold) in Dissen fiel um kurz vor 11 Uhr der Startschuss. Quer durch die Dissener Innenstadt ging es Richtung Teuto. Bis hoch auf den Kamm mussten sie, von wo aus sich der Dissener Fernseh- und Aussichtsturm in die Höhe streckt.  Nach diesem ersten steilen Anstieg auf dem Hermannsweg angekommen, mussten die zwei anschließend nur der Beschilderung, dem „H“, Richtung Borgholzhausen folgen. Nach insgesamt 11 Kilometern war das nächste Wahrzeichen auf der Strecke erreicht: der Luisenturm. Knapp einen Kilometer führte der Weg aus dem Wald hinaus bergab auf die Straße und auf die erste Raststation zu: die Tankstelle in Pium, wo es das erste erfrischende Wasser gab. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es auch schon wieder weiter Richtung Ravensburg. Dort angekommen, musste natürlich auch Zeit für einen Schnappschuss sein. Doch mehr Zeit zum Verweilen blieb nicht. Mehr als die Hälfte lag schließlich noch vor ihnen. Aber der nächste Lichtblick erwartete die zwei Eichen ein paar Kilometer später im Hesseltal, wo Matthias Jörke und David Schlüpmann eine Verpflegungsstation mit Wasser, isotonischen Getränken, Bananen und Salzstangen aufgebaut hatten, damit die zwei für die restlichen 13 Kilometer neue Energie und Kraft tanken konnten. Dies war für das bevorstehende Stück hoch zur Großen Egge auch durchaus nötig. Oben angekommen wurden die Läuferinnen dafür mit einer tollen Aussicht über Halle belohnt. Am anderen Fuße des Hügels wartete dann schon die nächste Raststation. Am Hotel und Restaurant Grünwalde hielt Rosi Hegemann Getränke und kühlende Waschlappen für die beiden Läuferinnen bereit. Nach dieser wohltuenden Erfrischung und kurzen Verschnaufpause ging es weiter den Hermannsweg entlang, vorbei an der Kaffeemühle zum Kreisel am Grünen Weg in Ascheloh, wo das grüne Support-Mobil von Ingrid Diekmann-Vemmer mit Motivationsplakaten, Musik sowie Bananen, Wasser und Iso die Läuferinnen vom TVK jubelnd empfing. Die Schmerzen, vor allem in den Beinen, waren mittlerweile natürlich deutlich spürbar, aber jetzt hieß es noch einmal Zähne zusammenzubeißen für die letzten 6 Kilometer! Und das taten die beiden auch bis endlich das Ortseingangsschild von Künsebeck in Sicht kam. Wie beim echten Hermannslauf der letzte Kilometer über die Promenade von zahlreichen jubelnden Fans flankiert ist, die den Läuferinnen und Läufer noch einmal richtig einheizen und Ansporn für die letzten Meter zum Ziel an der Sparrenburg geben, so hatte sich auch in Künsebeck die Hauptstraße zu einer Fanmeile verwandelt. Künsebeckerinnen und Künsebecker feuerten Freddy und Julia lautstark an, als sie nach über 3 Stunden und 26 Kilometern Richtung Ziellinie am Gemeindehaus liefen. „Der Jubel auf der Hauptstraße war überwältigend und gab nochmal einen enormen Pusch! Einfach klasse dieses Dorf hinter’m Deich und seine Bewohnerinnen und Bewohner! Und das Gefühl, als dann endlich das Gemeindehaus und die Ziellinie – passend zur aktuellen Lage aus einem gespannten Klopapierband – in Sicht kamen, war unbeschreiblich!“, konstatiert Freddy stolz. Nach genau 27,5 Kilometern, 3:38:33 Stunden und 762 überwundenen Höhenmetern hatten die beiden Künsebeckerinnen den „härteren Hermann“ bezwungen! „Ein riesiges Dankeschön gilt an dieser Stelle dem großartigen #TeamKünsebeck, das uns während des Laufs versorgt, unterstützt, motiviert, angespornt und am Ende gefeiert hat! Ohne euch hätten wir das nicht geschafft!“, resümiert sichtlich erschöpft, aber glücklich Julia Steinweg.